Marokko 2011

Marokko – Tag 3 – Königspalast, Fes el Djedid, Mellah

Die Nacht war kurz. Obwohl, zu kurz war sie eigentlich nicht. Vielmehr habe ich nicht so recht Schlaf finden wollen. Ich war des Öfteren wach. Es ist stockfinster. Ich dachte immer, der finstere Wald wäre das Ideal an Schwärze. Weit gefehlt. Ich taste in völliger Dunkelheit, hilflos wie ein Kind und blind wie ein Maulwurf, die zwei Meter zur Toilette. In Erinnerung an einen gebrochenen Zeh ‒ mit Vorsicht. Nichts ahnend, krache ich dann doch gegen die Badezimmertür. Ein schöner Knall, der mich vollends erwachen lässt. Die Badezimmertür ist nicht geschlossen, sondern in einem Winkel von ca. 45 Grad geöffnet. Und das hat einen Grund. Sie sitzt fest. Natürlich nicht wie festgeleimt, aber doch so fest, dass ein Anheben der Tür mühsam ist und zugleich ein Geräusch von sich gibt, das Tote erweckt. Und ich renne frontal gegen die Tür. Ein kurzer Schmerz wandert vom Kopf bis ins Mark. Stillstand. Dann folgt ein leises Fluchen. Kurz darauf sitze ich im dunklen auf der Toilette. Irgendwie doch spannend. Das Tasten nach dem Spülkasten gelingt sofort. Ein Teilerfolg ‒ denn von Wasserdruck keine Spur. Ist mir in diesem Moment aber völlig egal. Es ist brütend heiß im Zimmer. Ich schlafe dann aber doch wieder zügig ein. Das Einzige, was ich zuvor an Geräuschen ausmache, ist das Schnarchen von Jens.

Der nächste Morgen beginnt mit einem knappen Frühstück. Kaffee und Tee sind schnell hinuntergespült. Keine 30 Minuten später sind wir aus dem Haus. Der Weg führt uns heute zuerst aus der Medina heraus. Zum Königspalast. Ein kleiner Anstieg gibt den Weg vor.

Das Leben ist schon im vollen Zuge, als wir die ersten labyrinthartigen Gassen kreuzen. Die schon bekannten Gerüche umgeben uns wieder. Eingehüllt in Düfte aus Kräutern und Gewürzen. Schon seltsam, wie schnell man sich heimisch fühlen kann. Auf dem offenen Märkten außerhalb der Medina geht alles etwas lauter zu. Jeder versucht unüberhörbar, seine Waren anzubieten. Die Atmosphäre gleicht dem Fischmarkt in Hamburg. Auf Höhe der Stadtmauer ist ein Markt voller Utensilien zu finden, von denen bei uns sicherlich 90% auf dem Schrott landen würde. Zündkerzen, Kleiderlumpen, alte Zeitungen, schrottreife, verrostete Fahrradrahmen, Bratpfannen und Kochtöpfe, Teller und Besteck in bedenklichen Zuständen liegen zum Verkauf bereit. Aber es muss wohl einen Markt dafür geben, sonst würde das Zeug nicht zum Verkauf liegen. Europäische Maßstäbe sollte man spätestens hier abgelegt haben.

Den Weg zum Königspalast wählen wir durch das Mullah, das jüdische Viertel. Hier beschränken sich die angebotenen Waren zum großen Teil auf Goldwaren und Bekleidung. Handel wird auch hier an jeder Ecke betrieben. Insgesamt aber weniger ansprechend als in den Souks der Medina. Hier wirkt alles etwas steril.

Unsere nächste Idee ist, dass wir eine Tee-Pause einlegen, um vom obersten Stockwerk eines Hotels ein Panoramafoto zu machen.
Los geht’s.
Wir stehen vor dem Riad Myra, einem der besten Hotels in Fes. Vor der Tür zu den klimatisierten Innenräumen empfängt uns ein Portier, der uns sogleich freundlich lächelnd die Tür öffnet und uns bittet, einzutreten. Uns wird eine junge Dame zur Seite gestellt, die uns auf die Frage, was wir denn wünschen, auf das Dach begleitet. Ich möchte in Deutschland erleben, dass uns sofort jemand zum Fotografieren auf das Hoteldach führt, wenn wir den Wunsch äußern.
Oben angekommen, betreten wir eine sehr gepflegte Dachterrasse mit einer guten Sicht über die Stadt. Die junge Dame weicht nicht von unserer Seite. In strammer Haltung, die Hände auf dem Rücken gefaltet, wartet sie mit einem immerwährenden Lächeln darauf, dass wir einen Wunsch äußern. Wir machen die ersten Fotos und bestellen Tee mit Minze.
Keine fünf Minuten später setzt sich ein Mann, Mitte 40, zwei Tische neben uns. Ich begebe mich auf seine Höhe und mache weiter Fotos. Als der Tee kommt, ist das sein Zeichen. Er spricht mich an. Auf seine Frage, ob wir Journalisten wären, antworte ich mit einem entschlossenen: JA! Sind wir natürlich nicht. Aber vielleicht verschafft es ja Vorteile. Ich flunkere, dass wir von der Rheinpfalz wären, einem lokalen Magazin. Das scheint ihn zu freuen, zumindest deute ich das so.
Der Tee wird in zwei silbernen Kannen serviert. Dazu reicht man uns Zucker, sowie zwei kleine, zu Dreiecken gefaltete Stofftücher. Diese nutzt man, um die heiße Kanne und das Glas anfassen zu können. Ohne würde man sich ordentlich die Hände verbrennen. Es scheint, als läge der Siedepunkt von Wasser hier bei 500 Grad, denn die Kanne ist schweineheiß.
Am Ende werden wir noch durch das Hotel geführt, wo wir unsere Bilder machen dürfen. Den Tee aber mussten wir aber trotzdem zahlen….

Am Königspalast ist es sauberer als an jedem anderen Fleck, das fällt sofort auf. Unter den Bäumen im schützenden Schatten sitzt die Leibgarde des Königs mit schussbereiter MP und einem großen Vorrat an Wasserflaschen. Der Palastkomplex hat gigantische Ausmaße. Wir stehen vor dem Haupttor. Insgesamt sind es sieben Tore. Ein großes, bestehend aus zwei Flügeltüren sowie zwei weiteren Toren, obgleich wesentlich kleiner, auch mit Flügeltüren. Die anderen sind ebenso gestaltet, aber entsprechend kleiner. Jede dieser Türe umspannt ein halbrunder Bogen. In fünf von sieben Toren sind rechts und links neben den Toren noch weiße kleine Säulen eingelassen. Die Tore sind vergoldet und funkeln in der Mittagssonne. Jedes der Tore, bis auf die beiden kleinsten, die sich ganz rechts und links befinden, verfügt über ein kleines Vordach mit grünen Ziegeln. Die Tore sind umgeben von filigranen Mosaikarbeiten in verschiedenen Farben. Dominierend sind aber blau, grün und rot.

Zurück im jüdischen Viertel steigen wir in das erstbeste Taxi und lassen uns in die Neustadt bringen. Wir beide haben Lust auf ein kühles Blondes. Nein, keine Frau, sondern in zünftiges Bier. Die Suche gestaltet sich schwieriger als erwartet. Nach drei Anläufen werden wir zu einem richtigen „Etablissement“ geschickt. Schon beim Betreten der Bar, die mehr einer Spelunke gleicht, wissen wir: das ist etwas nicht Alltägliches. Viele Gesichter wenden sich ab. Das Ganze hat etwas von der Atmosphäre, wie man sich in Deutschland Besuch im Puff vorstellt. Wir bestellen unser Bier. Der Barkeeper serviert. Ohne viel Worte zu verlieren. Hier wird geraucht und gesoffen. Telefoniert mit leiser Stimme. Und jeder trinkt sein Bier für sich. Befremdlich.

Nach bestimmt 10 Kilometern und dem Besuch in einem modernen Einkaufszentrum, laufen wir Richtung McDonald‘s. Dort, wo wir vor Stunden schon waren, als wir das Taxi verlassen haben. Unterwegs sehen wir noch, wie eine Frau bewusstlos auf der Straße liegt. Der Krankenwagen hupt wie ein Irrer. Kein Auto macht Platz. Nicht einer ist bemüht, dem Krankenwagen auch nur ansatzweise die Möglichkeit ein Vorbeifahrt zu gewähren.

Willkommen in Marokko. Dritte Welt. Afrika. Hier ist alles anders.

Das Taxi bringt uns auf dem Rückweg wieder zu den Ruinen. Von dort aus wollen wir nochmals Fotos machen. Diesmal aber noch etwas mehr von oben. Kaum sind die Stative aufgebaut, tönt der eindringliche Ruf zum Abendgebet zu uns herauf. Nach ein paar Bildern steigen wir hinauf zu der Stelle, von der wir gestern schon fotografiert hatten. Alsbald folgt uns ein Junge von vielleicht 10 Jahren. Grüßt und setzt sich neugierig neben uns. Sein Blick wandert abwechselnd von unseren Kameras zu einer Plastiktüte, nie neben meinem Rucksack liegt. Klar, der Bursche will was. Ich sehe zu Jens rüber. Ein Blick signalisiert, dass er das Gleiche denkt. Ich schenke dem Burschen einen von vier Äpfeln. Mit erhobenen Händen, als hätte er eine Trophäe in der Hand, ist er dann auch so schnell verschwunden, wie er gekommen ist. Kurze Zeit später sitzt der Bursche wieder neben uns. Aber nicht alleine. Diesmal hat er gleich einen Freund mitgebracht. Ich blicke erneut zu Jens rüber. Wir schenken den beiden unsere restlichen Bananen. Kurz Zeit später sind sie im Dunkel der Nacht verschwunden. Nach ein paar Bildern machen wir uns auf den Weg zur Pension. An einem der typischen Einkaufsstände kaufen wir noch etwas Wasser. Ein überhaupt nicht unaufdringlicher Typ lässt immer ein paar Worte über seine Lippen kommen. Keine direkte Anrede. Bei mir kommt aber dennoch immer Kathrein an. Ein Hersteller von diversen Elektronik Artikeln. Irgendwie verstehe ich den Zusammenhang nicht.

Der Lacher ist groß, als Jens beim Rückweg aufklärt, dass der Typ eigentlich „get high“ meinte…. Wir haben den Rückweg über nur lachen müssen.

Gute Nacht,

Vadim

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