Marokko 2011

Marokko – Tag 4 – Meknes, Volubilis, Moulay Idris

Das ging ja gerade noch mal gut. Was zum Teufel ist genau passiert? Meine Anspannung will noch nicht so recht verfliegen. Gerade als wir in die Pension eintreten wollten, drang Kindergeschrei durch die dunklen Gassen. Es war nicht das Geschrei eines einzigen Kindes, vielmehr das einer ganzen Rasselbande. Plötzlich wie aus dem Nichts, steht ein ungefähr zehnjähriger Junge vor uns. Schwarzes Haar, kurze Hose, Gummischlappen und einem aufgeregten Gesichtsausdruck, der uns signalisiert, wir mögen doch bitte warten. Kurze Zeit später sind es dann fünf Jungs. Einer mit einer Platzwunde neben dem rechten Auge, nahe der Nase, auf Höhe der Augenbrauen. Blut quoll aus der 2 cm großen Wunde. Die Atmosphäre ist hektisch und angespannt. Die Jungs beschuldigten mich, ich hätte einem von ihnen, also dem mit der Platzwunde am Kopf, diese Verletzung mit der Kamera zugefügt.
Wie es dazu kam?

Fangen wir ganz von vorn an; beim Frühstück. In gewohnter Manier. Heute gibt es aber gebratene Eier zum Frühstück und einen Minze-Tee, den ich sicherlich vermissen werde, wenn ich wieder in Deutschland bin. Aber noch ist es nicht so weit. Der heutige Tag beginnt am Bahnhof von Fes. Ausgangsort für eine Fahrt nach Meknès. Doch erst einmal gibt es Schwierigkeiten, weil kein Taxi zum Bahnhof fahren will. Beim dritten Anlauf haben wir Erfolg. Für geschmeidige neun Dirham.

Der Bahnhofskomplex ist modern. Mit viel Licht, das durch den mit Glas durchsetzten Bau erhellt. Am Ticketschalter will oder kann man nur französisch sprechen. Nein, kein Englisch. Gut, dass ich mein kleines Wörterbuch zur Hand habe. Somit kann ich spielend zwei Tickets nach Meknès kaufen. Der Zug ähnelt dem deutschen IC. Sehr guter Fahrkomfort. Einzig störend ist die Klimaanlage, die kalte Luft, denn die wird neben mir unterhalb des Fensters aus einer Lüftung geblasen. Binnen kürzester Zeit lahmt mein Arm vor Kälte. Vor uns sitzt ein Mann Mitte 40. Drei-Tage-Bart und gepflegtes Äußeren. Neben uns zwei Männer, die äußerlich einem Scheich ähneln. Der Mann vor uns hat auf seinem Tisch eine Büchse Cola stehen und eine zerrissene Alufolie in deren Mitte ein Dönerverschnitt marokkanischer Art sein Dasein fristet. Wahrscheinlich fühlt er sich beim Essen beobachtet, denn kurze Zeit später entschwindet er mit seinem Essen.

Rauchen ist in den Abteilen verboten, im Flur wird aber dafür kräftig geraucht. Die Landschaft, die an uns vorbeisaust, wechselt ständig. Die einzige Konstante sind die Bergzüge, die sich markant am Horizont abzeichnen. Olivenplantagen und Ackerland dominieren die Landschaft, die streckenweise recht trostlos wirkt. An den Bahngleisen sind diverse Wellblechbehausungen auszumachen, wie ich sie von Südafrika kenne; mit dem Unterschied, dass hier Stein das Fundament bildet. Die Fahrt dauert knappe 30 Minuten, dann sind wir in Meknès. Der Bahnhof wirkt wie ein Provinzbahnhof, wenn man ihn mit dem von Fes vergleicht.

Das Erste, was uns in Meknès empfängt, sind nervende Taxifahrer, die einem penetrant nachsteigen, um einem eine Taxifahrt aufzudrücken. Routiniert wimmelt jeder achselzuckend ab. Nach Zigaretten für Jens und Wasser sind wir keine 10 Minuten später auf dem Weg in die Medina, zu Fuß!
Ein Gespräch in einer Autovermietung, die wir unweit vom Bahnhof finden, klärt man uns auf, dass der Weg zu weit wäre, um zu laufen, und rät uns zu einem Taxi.

Wieder am Bahnhof kommt ein älterer Mann auf uns zu und stellt sich als Mohamed vor. Völlig anders als der Rest. Ganz ruhig, ohne das Gefühl zu vermitteln, dass er unbedingt eine Taxifahrt ergattern müsse. Er fragt, was wir denn sehen wollen. Ich antworte, dass wir in die Medina wollen, sowie die Sehenswürdigkeiten drum herum. Er wirft am Ende meiner Ausführungen ein, dass die Medina von Meknès nicht anders wäre als die von Fes, dafür aber mehr touristisch sei. Er bietet uns an, für 300 Dirham nach Coulibalys und Moulai Idriss zu fahren. Und nicht nur das, wir hätten auch keinen zeitlichen Druck. Klingt gut. Ein Blick zu Jens; der signalisiert sein Ja. Während der Fahrt schwärmt der Fahrer von seinem Benz. Hat gerade die erste Million Kilometer runter. Allgemein ist er von der deutschen Autowirtschaft schwer angetan. Sein Taxi ist gemietet. Er muss viel Kilometer machen, das bringt Geld, erfahren wir. Anschnallen? Fehlanzeige. Er warnt sogar, dass der Gurt gar nicht funktioniert. In der ersten Kurve reißt mir dann auch noch der Haltegriff ab…

Unser Fahrer ist 53 und hat zwei Kinder. Eineiige Zwillinge, einen Sohn und eine Tochter. Das reicht sagt er. Um seine Nerven zu schonen und die Beziehung zu seiner Frau nicht zu gefährden, besitzt er zwei Häuser zur Miete. Eines für sich, das andere für die Schwiegermutter. All das erzählt er mit einem leichten Lächeln im Gesicht. Ein Generationshaus ist hier schon fast normal. Auch der Verdienst des Einzelnen kommt anderen zugute. Jeder hilft dem anderen. Er betont aber, dass das meistens nur innerhalb der Familie funktioniert.

Das dreistufige Schulsystem gleicht dem unseren. Nur mit dem Unterschied, dass Bildung nur dann zum Erfolg führt, wenn man von einer privaten Universität kommt. Seine Kinder haben ein Stipendium bekommen, was ihn sehr stolz macht. Sein Sohn ist einer von fünf, die von über 1000! Bewerbern ausgewählt worden sind. Auf die Frage nach seiner Herkunft, blüht er so richtig auf. Seine Mutter und auch sein Vater sind Berber. Er ist in Meknès geboren, als Teil einer Familie mit acht weiteren Kindern. Er spricht vier Sprachen. Ist aber ein Idealist, der an die Kraft des Islam glaubt. Auf meine Frage, ob er denn ein strenger Vater sei, antwortet er gelassen, dass seine Kinder zu Hause kein Internet hätten. Auch hält er nichts von den Veränderungen, die in seinem Land passieren. Der Wendepunkt kommt ab Ende 20 sagt er. Dann besinnt man sich auf seine Wurzeln. Dass die islamische Welt aber im Wandel ist, will er nicht bestreiten, sieht aber, dass die Veränderungen nichts zwangsläufig auf etwas endgültiges Positives hinauslaufen. Zur Monarchie hat er eine gespaltenes Verhältnis. Er wünscht sich, dass der König mehr im Land für sein Volk machen würde, als für sich in Europa zu werben. Dass Geld die Welt regiert, ist auch hier angekommen. Korruption ist an der Tagesordnung.

Das Gesundheitssystem hier, so erfahren wir, ist eine Schande. Wer kein Geld hat, hat zu leiden. Nach diesen Infos rufe ich mir die Frau vor Augen, die bewusstlos auf der Straße lag. Ihr Schicksal ist unter Umständen das Vermächtnis einer Unachtsamkeit oder Fahrfehlers mit folgen. ( klick )

Unser erster Stopp liegt in einer Senke, die einen fantastischen Blick auf die Stadt Modul Idriss bietet. Unter einem alten Baum im Schatten steht eine zwölfköpfige, buntgemischte Truppe von Motorradfahren, die gemütlich essen. Das Ganze muss organisiert sein, denn ein etwas größerer Bus dient als Verpflegungswagen. Die ersten Bilder des Tages sind im Kasten und lassen auf ein gelungenes Panorama hoffen.

Nach ein paar Kurven erreichen wir den nächsten Stopp. Coulibalys, die größte und am besten erhaltene römische Ruinenstadt des Landes. Sie für ihre hübschen Mosaike bekannt ‒ und ebenfalls Weltkulturerbe. Zum Eintritt löhnt 10 Dirham pro Nase. Die Dimensionen sind gewaltig. Die Ruinenstadt passt sich malerisch in das Landschaftsbild ein, sodass der Eindruck entsteht, dass die Ruinenstadt mit dem Horizont abschließt.
Wir sind aber nicht alleine hier. An einigen wenigen Stellen treffen wir auf Gruppen, die von einem Guide geführt werden. Sicherlich interessant. Aber wir sind zum Fotografieren hier. Das ständige Schritthalten mit der Gruppe ist nichts im Vergleich zu der Freiheit, die wir jetzt haben.

Auf das ganze Gelände verteilt lungern junge Männer herum, deren Bedeutung ich erst erkenne, als sie Jens andeuten, er möge bitte von einer Stele absteigen, die er zuvor für ein Foto erklommen hatte. Es sind etwa zwanzig Leute, die sich hier auf dem Gelände verteilen. Hinter einem künstlich aufgeschütteten Berg, der zugleich einen guten Überblick ermöglicht, haben sie eine Steinhütte mit typischem Wellblech, die als Kochstelle und Lager dient. Im Inneren erkenne ich zwei schlafende oder ruhende Männer, sowie eine Kochstelle mit einer Teekanne. Eine virtuelle Rekonstruktion dieser Anlage würde sicherlich die Dimensionen verdeutlichen. Der Zahn der Zeit hat auch hier seine Spuren hinterlassen. Ein Ansatz, das aufzuarbeiten, ist sicherlich der Neubau am Eingang. Hier entsteht in naher Zukunft ein Informationszentrum. Es ist zu hoffen, dass hier keine Tourismus Bastion entsteht. Denn sonst ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Bustouren alles niederwalzen. Wir durchwandern das Gelände und sind fast eineinhalb Stunden später mit drei Litern Wasser am Auto bei Mustafa.

Weiter geht es nach Morula Idriss. Abseits der Hauptstraße fährt Mustafa seinen 300er Benz gekonnt die Serpentinen hinauf. In der Nähe eines verkrüppelten Olivenbaums parken wir, denn die Aussicht auf Moral Idriss ist gut für ein Foto, sagt Mustafa. Unter dem Baum sitzt ein Mann. Weit und breit ist sonst niemand. Er sieht etwas verlottert aus und schnorrt bei Jens erst mal eine Zigarette. Er verkauft von Hand geschliffene Fossilien. Die Ammoniten sind mittig geteilt und poliert. Sie würden direkt hinter uns am Berghang zu finden sein, betont der Verkäufer. Eine wunderbare Handarbeit. Durch die Teilung gibt es eine geschliffene Vorder- und Rückseite, die schöne Einblicke ermöglicht. Das Ganze kosten umgerechnet einen Euro ‒ sehr günstig. Wir entscheiden uns gegen einen Einkauf, weil wir nicht wissen, wie der Zoll regiert, sollten sie die Exemplare finden. Denn das Ausführen von Kulturgütern steht unter Strafe! Die Verkäufer ist echt eine Type. Sein Deutsch reicht für eine kleine Konversation. Er erzählt, dass die, die nicht nach Mekka kommen, dafür sieben Mal nach Mouly Idriss pilgern. Das muss ich mal prüfen, ob das wirklich so stimmt oder ob das eine Floskel war. Zwei Zigaretten und mit ein paar Bildern in der Kamera erreichen wir kurze Zeit später Moulay Idriss.

Die Stadt am Hang liegt im Schatten, als wir dort ankommen. In die Moschee kommen wir leider auch hier nicht hinein, können aber ein paar Bilder machen, wenngleich von einer provisorischen Absperrung in Form eines Holzbalkens aus. Auf einem Aussichtspunkt, der uns einen Blick hinunter ins Tal gewährt, sind wir gleich im Interesse eines jungen Mannes, der uns gleich vollquatscht. Da wir ja aus Island kommen, ist er auch gleich ruhig, zieht von dannen, und wir haben unsere Ruhe. Routine kehrt ein. Besonders spannend ist die Stadt nicht, aber ihre Lage kann man wirklich als idyllisch bezeichnen.

Zurück in Meknès besichtigen wir das Bab Mansour, welches mit seinen Ausmaßen und Mosaiken Eindruck macht. Hinter dem Bab er Rih kommen wir in die Vorräume des Mausoleum Morula Ismails, die kunstvoll im maurischen Stil gehalten sind. Im ersten Raum sitzt ein Wärter im hintersten Winkel auf einer Decke und schläft. Mittig steht ein Brunnen, der zum Waschen und Durststillen dient. Die Wände sind in einem dunklen Gelbton, während der Boden gänzlich aus Mosaiken besteht, die sich an den Wänden bis in gut einen Meter Höhe fortsetzen. Ein diffuses Licht umgibt uns, welches von oben herab durch kleine, in die Wand eingelassene Fenster scheint. Die Abendsonne wirft ihre ersten Schatten. Rechts führt eine kleine Treppe in die nächsten Räume. Von einem Zimmer in das nächste führt eine kleine Treppe, die kaum reicht, um die Besucher zu bändigen. Hier zeigt sich wieder die Dummheit, Ignoranz und Unvernunft der westlichen Zivilisation. Ignorante Touristen, die sich lautstark und ohne Rücksicht an einem Brunnen gegenseitig nachspritzen. Der ganze Boden ist kurze Zeit später nass; für sein „Pssst“ erntet der Wärter nur Unverständnis. Besonders schön ist der letzte Raum. Mittig findet sich wieder ein Brunnen, umrundet von zwölf Säulen, auf die sich die Deckenkonstruktion stützt. Sein Licht bekommt der Raum durch zwölf Fenster, die im oberen Teil des Raums unterhalb der Kuppel eingelassen sind. Rechts neben dem Eingang ist ein Raum, der mit einem roten Teppich ausgelegt ist und von einem imposanten Kronleuchter beleuchtet wird. Leider dürfen wir nicht hinein, denn ein kniehohes Gitter versperrt den Zugang. Davor drängen sich Massen von Touristen. Rücksichtslos auf den eigenen Vorteil bedacht nutzen sie jedes Schlupfloch, um ja als Erster für ein Foto präsent zu sein. Schrecklich, das hat nicht gefehlt bis jetzt. Das erste Mal auf der Reise haben wir das Gefühl, etwas zu sehr Touristisches zu sehen, wenngleich sehr schön und kostenlos.

Danach geht zum Heri Dar el Ma, einem riesigen Vorratsspeicher aus dem 17. Jh. Und weiter zu den berühmten Pferdeställen des Moulay Ismail, in denen 12.000 Pferde Platz fanden. In dem leicht muffigen Gemäuer ist es angenehm kühl. Die Sonne, die nun so langsam an Kraft und Intensität verliert, wirft ein warmes Licht in die Gemäuer. Das Gestein leuchtet in einem wundervoll satten Rot, das je nach Lichteinfall ins Gelbe übergeht. Die Stallungen im Außenbereich sind nur noch ein Schatten glorreicher Tage. Die Witterung nagt zusätzlich am Verfall. Der morbide Anblick lässt die Frage offen, ob der Zustand gewollt ist. Denn inmitten der Anlage liegen diverse Müll- und Schutthaufen.

Nach Verlassen der Anlage springt mit sofort ein Landcruiser der HZJ-Serie ins Auge. Dunkelblau. 4×4. Dick bereift und aufgebaut für eine Langzeitfahrt. Bodenbleche, Seilwinde, Schnorchel, Ersatzreifen, und Dachgepäckträger machen klar, wo die Reise hingeht. Der Fahrer sitzt hinter dem Steuer und studiert eine Straßenkarte.

Und ich träume….

Am Bahnhof verabschieden wir uns von Mohammed und warten nun auf den Zug. Wir haben seine Telefonnummer, denn er hat uns angeboten, dass er uns nach Chefchauen fahren kann, für schlappe 650 Dirham ab Meknès, und für 950 ab Fes. Inzwischen ist es kurz vor 18.00 Uhr, und die Sonne steht schon sehr tief. Wir sitzen auf einer gelöcherten Metallbank. Vier Sitzplätze, allerdings nur einseitig, in Richtung der Gleise. Jens rechts außen, ich links neben ihm. Neben mir sitzen noch zwei junge Frauen so um die Zwanzig. Die eine trägt eine blaue enge Jeanshose und ein schwarzes Oberteil, welches den Hintern verdeckt. Die andere eine bunte weite Stoffhose, die in Wind flattert. Sie trägt ein buntes Kopftuch und eine Weiße Brille im Stil der 70er Jahre. Ihre Freundin dagegen, zumindest nehme ich das an, trägt dunkles Haar, ähnlich einer Dauerwelle. Die beiden sind äußerlich grundverschieden. Beide schnattern aber was das Zeug hält. Nervig wird es erst, als sie uns ihre grässliche Mucke aufzwängen. Arabische Popmusik ist nichts für meine Ohren. Erst recht nicht bei der Kulisse, die uns umgibt. Die untergehende Sonne flutet den Bahnhof mit ihren letzten Strahlen. Ein rotgelber Feuerball, der mit aller Macht verzaubert. Der zuvor noch hellblaue Himmel weicht einem intensiven gedämpften Rot, das die Sonne diffus einhüllt. Dieser Anblick ist einfach magisch. Ein Moment, den man für immer festhalten will.

Im Hintergrund vernehme ich nur beiläufig die Bahnsteigansagen. Das Gedudel wird lauter und zeitgleich nerviger. Die Gesänge sind einfach nur übel, ebenso die Töne. Geht gar nicht. Irgendwie verspüre ich Lust, mich zu batteln. Schlagartig muss ich an das Video von RUN DMC vs. AEROSMITH ‒ WALK THIS WAY denken.

Rapper gegen Rocker. Eine passende Analogie.

Der nahende Zug bringt dann die Erlösung.
Die Wagen sind merklich voller als bei der Hinfahrt. Die Abteile überladen, der Geruch abartig. Wir beziehen Stellung zwischen den Wagons. Da hier niemand die Türen schließt, sind sie bei der Fahrt offen und sorgen für Frischluft und ein besseres Klima. Die Landschaft zieht an uns vorbei. Ein weiterer Tag neigt sich dem Ende. Wider sind wir dem Ende unserer Reise ein Stück näher, dem Abschied von einem Land, von dem ich schon jetzt sage, dass ich gewiss wiederkomme.

Der Bahnhof von Fes ist um diese Uhrzeit rappelvoll, laut und hektisch. Auf Höhe des Taxistands werden wir, wie nicht anders zu erwarten, mit Versprechen des besten Preises vollgelabert. Die wollen 40 Dirham für die Strecke, für die wir am Morgen noch neun Dirham bezahlt haben. Ich biete 10 Dirham. Nein! ‒ 40 Dirham wäre der beste Preis. Fuck You! Der Typ ruft noch mal schnell seinen Kumpel, der natürlich prompt erwidert, dass 40 Dirham sehr günstig und Standard wären. Zum Vergleich: Die Fahrt vom Flughafen bis Ain Azleten dauert ca. 30 Minuten ‒ für 120 Dirham. Dieser Halsabschneider will 40 Dirham für 5 Minuten! Ich winke nur ab, der kann mich, denke ich. Jens stimmt ein, wir lassen ihn links liegen und laufen ‒ gute 45 Minuten…

Dem Jungen mit der Platzwunde rinnt noch immer das Blut aus der Wunde. Fühle ich mich schuldig ? Nein! Bin ich schuldig ? Ich denke nein. Jetzt steht die versammelte Mannschaft komplett vor uns. Sie haben einen dabei, der wohl im Namen aller spricht, denn er kann paar Brocken Englisch. Einen leicht aggressiven Gesichtsausdruck haben sie schon. Energisch fordern sie 100 Dirham. Wir beide schweigen. Zakarias öffnet die Tür, ich trete hinein, erkläre die Situation. Er lächelt. Ich interpretiere das als ein Zeichen dafür, dass die Jungs nur Kohle wollen. Im Licht meiner Stirnlampe untersuche ich die Sonnenblende meines Objektives. Keine Blutspuren, keine Hautreste zu erkennen. Erleichterung.
Zakarias beschimpft die Jungs in einem dreckigen klingenden Arabisch, was übersetzt sicherlich so viel heißt, wie: Verpisst euch. Die Jungs entschwinden in die Dunkelheit der Nacht, die nun endgültig hineingebrochen ist.

Wir sitzen unten in der Lobby der Pension und befragen Zakarias über Chefchaouen. Er ist noch immer der festen Überzeugung, dass es besser wäre, wenn wir kein Mietauto nehmen würden. Besonders nah legt er uns, dass wir nicht wild campen sollen. Das frustriert ein wenig, denn das sollte ja das Highlight der Reise werden.

Eine vierstündige Fahrt mit dem Mietauto über etwa 300 km bei den marokkanischen Straßenverhältnissen waren als Tagesziel sicherlich realisierbar; aber die Rückreise am nächsten Tag, mit Termindruck wegen des Fliegers, das wäre zu stressig. Ok, also sind wir wieder am Anfang! Jens und ich besprechen noch einmal die Vor -und Nachteile von Mietauto oder Taxi. Wenig später sitzt ein Mietarbeiter von Memoire voyage bei uns. Wir befragen ihn nach den Kosten für einen Tagesausflug nach Chefchaouen. Alles zusammen würde uns 1.500 Dirham kosten. Also rechnen wir kurz.
Wir entscheiden uns für ein Taxi. Warum ?
Ganz einfach. Komfort und Sicherheit. Wer garantiert, dass Mustafa wirklich in Meknès ist ? Was, wenn er dann doch mehr Geld sehen will?
Spät abends müssten wir noch im Zug nach von Meknès nach Fes.
Sicherlich sind 650 Dirham im Vergleich zu 1.500 verlockend, aber das würde bedeuten, dass wir um 4 Uhr aus dem Bett müssten. Zum Bahnhof Fes, von dort aus nach Meknès.
Und abends das Ganze noch einmal von vorne.

Der Deal steht also. Wir zahlen 1.500 Dirham für den ganzen Tag ‒ inklusive Transfer zum Flughafen am nächsten Tag. Keine fünf Minuten später steht Othman ibn Affan* in der Pension. Der Chef der Agentur.
Er ist dünn wie ein Hemd, hat ein Gebiss wie ein Pferd und einen manisch depressiven Blick, der durch seine dunklen, tief sitzenden Augen noch verstärkt wird.
Auch er bestätigt nochmals die Summe von 1.500 Dirham.
Auf jede meiner Fragen antwortet er mit: All as you like, ohne, dass ich meinen Satz zu Ende bringen kann. Das geht mir voll auf den Sack.
Irgendwann höre ich ihm dann gar nicht mehr zu. Ich könnte auch in der Nase bohren, würde er wahrscheinlich gar nicht merken. Komischer Vogel.

Egal, wir haben das, was wir wollen 🙂

Morgen früh um 7.00 Uhr geht es los.

Was für ein Tag !

 

Vadim

* Othman Ibn Affan
Musste den Namen googeln, das ist das Ergebnis:
dritter Kalif, Regierungszeit 644-656; mit größten Machtbefugnissen ausgestattet, lebte er in Einfachheit in Medina, legte 653 endgültig den Text des Korans fest und baute ihn zur Heiligen Schrift des Islam aus; seine Feldherren eroberten Tripolis, Zypern und Armenien; Othman Ibn Affan wurde 656 von dem Sohn Abu Bekrs erschlagen.

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