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Tag 9 – Abreise und das “Ende” der Barbarossa Brothers….

 

Barbarossbrothers

 

 


Vermissen wir den Bart ?? AUF KEINEN FALL !!!!!

Vadim & Benny

Tag 3 – Besteigung des Süphan Dağı

Hallo,

Heute ging es auf den Süphan Dağı ( 4058 m )

Tag 3 in Bildern / Click for pictures

Teil 1

Teil 2

Es gewittert höllisch, als ich durch den prasselnden Regen irgendwann erwache. Ich blicke in völlige Dunkelheit und verfluche mit allen mir bekannten Obszönitäten die Tatsache, dass ich am Vorabend wiederholt versäumt hatte, mir die Stirnlampe griffbereit zu platzieren. Was folgt ist nochmaliges Fluchen. Ich finde einfach meine Lampe nicht. Das Ganze endet in völliger Frustration.

Genervt gebe ich auf und schlafe wider ein – für vielleicht fünf Minuten. An meinem Zelt zerren Sturm und Regen, wie in einem Zweikampf der Elemente. Ich sitze in der Mitte meines privaten Hurrikans und lausche mit einem Gemisch aus Spannung und nahender Verzweiflung. Kein Licht, und dank fehlendem Licht kein Oropax. Prima.

Weitere Minuten vergehen, da komme ich auf eine, meine rettende Idee. Ich entsinne mich auf ein Utensil, das hier bis dato keine rechte Bedeutung für mich hatte. Ein Gegenstand, der so manchen Menschen erst so richtig komplettiert und glücklich macht – mir aber völlig, und wie ich finde, zu Recht, völlig am Arsch vorbeigeht: mein Handy. Ich entwickele regelrechte Emotionen in diesen Minuten zu diesem Stück Technik. Es werde Licht!

Im bescheidenen Lichtkegel meines Handys durchwühle ich hastig meinen Rucksack nach Oropax und werde in der Reiseapotheke fündig. Meiner Mutter sei Dank, denn sie hat alles dafür organisiert. Neben allem Obligatorischen wie Aspirin, Pflaster, Blasenpflaster, Desinfektionsmittel, Durchfalltabletten, Paracetamol usw. auch meine nun heißgeliebten und rettenden Oropax. Ein Hoch auf die den Erfindungsgeist des Menschen!

Beruhigt bette ich mich auf die Matratze in meinem Zelt. Dank Oropax in völliger Ruhe. Meine Matratze gewinnt plötzlich ein Mehr Komfort, sie kommt mir noch weicher vor. Ich schlafe zufrieden ein.

Ich erwache nach dieser stürmischen Nacht an einem wolkenlosen Morgen.

Vom Stellplatz meines Zeltes blicke ich über den Vansee auf den gegenüberliegenden Gebirgszug. Hinter diesem erhebt sich die Sonne in einem Meer aus Licht. Noch kann man die Sonne nicht sehen, aber das Licht verheißt baldiges Erscheinen.

Noch leicht verträumt begebe ich mich zum Frühstück. Dort angekommen stelle ich fest, dass ich nicht der Einzige bin, der noch nicht vollends erwacht ist. Die Konturen unserer Gruppe sind im Licht der aufgehenden Sonne nur schemenhaft zu erkennen. Ein spannendes Licht.

Ich trinke gefühlt einen Liter Tee und frühstücke, was das Zeug hält. Es gibt wie jeden Morgen eine Auswahl an Oliven und Käse, dazu Honig und Marmelade. Frisches Gemüse wie Gurken und Tomaten.

Nach dem Frühstück kontrollieren wir nochmals die Vollständigkeit unserer Ausrüstung. Benny und ich einigten uns auf eine ausgewogene Verteilung, die sich als perfekt erwies. Jeder für sich versorgte sich nach seinem Ermessen mit Getränken und Kleidung. Benny übernahm die Last der Lunchpakete, und ich schleppte Stativ und Kamera.

Wenig später saß die komplette Gruppe im Bus. Die knapp zweistündige Fahrt führte uns durch kleine Dörfer immer entlang des Vansees. Die Landschaft ist alles andere als grün, vielmehr wirkt sie menschenfeindlich.

Vereinzelt finden sich Baumgruppen und grüne Landstriche. Überall sieht man Kinder, die ihre Schafe über die Straße auf die Weiden treiben.

Die sonst leblosen gelbfarbenen Hügel und Ausläufer der nahenden Gebirgszüge schimmern im Licht der aufgehenden Sonne Rotgold und verleihen ihnen nach jeder Kurve ein neues, lebendiges Aussehen.

Der Weg führt nun über eine Schotterpiste, die ihren Namen mehr als verdient, durch ein kleines Dorf. Sie endet abrupt.

Vor uns eröffnet sich ein grandioser Ausblick auf den Süphan, der durch seine Dimension stark beeindruckt. Direkt vor dem Bus klafft eine gut vier Meter breite Schlucht. Schmelzwasser hat sich hier seinen Weg gebahnt und den Schotter mit sich gerissen.

Nach dem Verlassen des Busses wechseln Benny und ich unser Schuhwerk. Wenige Minuten später sind wir auf dem Track.

Unser weg führt anfangs entlang der Route des Schmelzwassers und windet sich dann langsam nach oben.

Ein Blick nach vorne lässt den Süphan mit jedem Schritt, den wir ihm näherkommen noch mächtiger erscheinen.

Beim Blick zurück in das nun immer mehr in die Ferne rückende Tal, sehen wir auf die Sonne, die nun fast senkrecht am Firmament steht und auf uns herab scheint. Der blaue Himmel ist mit kleinen Cumulus Wolken gespickt. Der Weitblick ist kaum in Worte zu fassen. Geschätzte 200 km reicht der Blick. Ein leichter Schleier verhüllt den Horizont, sodass ein wirkliches Ende nicht auszumachen ist.

Wir bewegen uns nun in Richtung Gipfel auf einem schmalen Grat.

Links erblicken wir Hunderte von Schafen, rechts ein geschätzte 50 Meter abfallender Hang. Im unteren Drittel können wir die ersten Schneefelder entdecken.

Das reflektierende Licht, welches von Schnee zurückgeworfen wird, blendet höllisch in den Augen und gibt einen Vorgeschmack auf das, was uns am Ararat erwartet.

Auf 3.200 Metern legt unsere Gruppe eine kleine Pause ein. Benny und ich nutzen die Zeit für weitere Fotos von unseren prachtvollen, im Sonnenlicht rotschimmernden Bärten und futtern unsere Lunchpakete.

Es gibt gekochte Eier, Speck, Wurst, Käse, Tomaten, Gurken –und massig Tee.

Nach diesem kurzen Stopp setzen wir uns wieder in Bewegung, und folgen dem leichten Schotterweg entlang des Grates.

Die Grasnarbe weicht nun in dieser Höhe reinem Schotter. Es gibt keinerlei Vegetation mehr. Die Schuhe sinken in den feinen Gesteinsbrocken leicht ein – was den Gang deutlich erschwert.

Unsere Bergführer machen nun einen kurzen Stopp. Jemal, unser kurdischer Bergführer, packt sich die beiden erstbesten, faustgroßen Steine, die er finden kann, und läuft dann, als wäre nichts gewesen, weiter.

Wir erfahren, dass er die Steine aufgesammelt hat, um die aggressiven Hunde der Hirten abzuwehren. Sekunden später hat jeder aus der Gruppe einen, oder sowie ich, mehrere Steine in der Hand.

Glücklicherweise kamen sie aber nicht zum Einsatz, denn die Hirten hatten in diesem Fall ihren Hund gut im Griff…..

Auf einer Höhe von ca. 3.400 Metern beschließt die Gruppe, den Aufstieg abzubrechen. Einige klagen über Kopfschmerzen und wollen die Energiereserven nicht aufbrauchen. Ich blicke in Bennys Augen, und sehe die Begeisterung förmlich wachsen.

Nach ein paar kurzen Sätzen, nein vielmehr waren es Worte, führen Benny und ich die Besteigung weiter fort. Auf Bennys: „auf Hopp“, entgegnete ich schlicht: „yo alla hopp“. Und schon war klar: wir wollen beide den Gipfel. Wir fühlten, dass wir der Aufgabe gewachsen waren. Bennys Angst, der Vorläufern Höhenkrankheit zum Opfer zu fallen, wurde mit jedem gewonnen Höhenmeter immer geringer. Wir beide fühlten uns körperlich fit – also was sprach dagegen.

Kurze Zeit später endete der Schotter und mündete in eine Geröllhalde. Diese waren Teils in der Größe eines Kürbisses, oder größer. Mit Balance-Einlagen gelang uns die Überwindung dann doch recht schnell. Unter Zuhilfenahme unserer Hände. Zeitweise krochen wir auf allen „Vieren“ über die Steine.

Nach dieser Hürde befinden wir uns auf ungefähr 3.600 Metern. 200 Höhermeter nur Geröll.

Wir sind nun auf einem Plateau und blicken wiederholt mit kindlicher Faszination auf das nun vor uns liegende Bergmassiv. Wir machen eine kurze Pause und teilen einander den Rest an Essen aus den Lunchpaketen auf. Die Gruppe besteht nur noch aus unserem Reiseführer, Jemal dem Bergführer, Benny und mir.

Jemal ist 35 und hat eine sehr markante kurdische Aussprache, die uns ungemein gefällt. Den Süphan hat er schon fünfmal bestiegen. Er erzählt von seinen beiden Kindern, und ich von meinem Sohn. Ein witziges Gespräch, da er leider fast kein Englisch spricht. Unser Reiseführer ist aber auch hier wieder in seinem Element und übersetzt alles für uns.

Der Weg führt jetzt einen gut 70 Grad steilen Schotterabhang hinunter zu einem gigantischen Eisfeld. Unten angekommen setzen wir alle auf das Schneefeld über.

Mein Blick wandert nun entlang des Schneefeldes zu den angrenzenden Geröllhalden des Süphans. Diese fallen sehr steil vom Gipfel herab und lassen keinen Weg erkennen.

Wir verlassen das erste Eisfeld und bewegen uns langsam auf das nächste zu.

Dieses ist mächtig. Beinahe könnte man meinen, man würde auf einem Gletscher laufen. Das Eisfeld sitzt zwischen den Geröllhängen des Süphans und einer gegenüberliegenden Bergformation mit weißen Gipfeln.

Wir laufen nun entlang der Geröllhalden auf dem massiven Eisfeld steil hinauf auf ca. 3.800 Meter. Das Eisfeld ist durchsetzt mit Steinen die aus dem Geröllmassiv des Süphans stammen.

Der Schnee reflektiert die Sonne derart stark, dass meine Sonnenbrille dieses Licht nicht mehr kompensieren kann. Ich habe kurzeitig das Gefühl, schneeblind zu sein. Schwindel durchfährt mich. Ich entwickle ein Wut im Bauch, meine Gletscherbrille im Zelt gelassen zu haben.

Ich berichte Benny von meinen Sorgen, und der ist sofort bereit, die Sonnenbrillen zu tauschen. Mit neuem Licht geht es dann ohne Probleme weiter.

Ich habe leider eine Augenkrankheit, die zur Folge hat, dass ich sehr empfindlich auf sehr helles Licht reagiere. Dank Sonnenbrillen ist das aber gut zu beherrschen.

Wir verlassen jetzt das Eisfeld rechter Hand und befinden uns nun direkt in den Geröllhängen des Süphans. Der Anblick seiner Geröllhänge aus der Nähe ist atemberaubend und lässt uns völlig klein und unbedeutend erscheinen.

Wir kriechen förmlich den Berg herauf. Ich verliere in dem Gelände so langsam die Lust und verspüre den Wunsch einfach zu sagen: „Kein Bock mehr“.

Ich rufe dein beiden Guids zu, dass ich am nächstbesten Stein auf sie warten werde, bis sie vom Gipfel kommen.

Benny kletter hinterher, und ich nehme auf einem von der Sonne erwärmten Stein Platz und bereue meine Entscheidung keine Minute.

Knapp 200 Höhenmeter vor dem Gipfel aufzuhören mag sicherlich dem einem oder anderen suspekt vorkommen, aber ich kann das. Meine Gemütslage entscheidet oft, und nicht der Wunsch, etwas erreichen zu müssen.

Ich sitze als nun „gefangen“ auf meinem Stein – und warte. Nach gut einer Stunde verändert sich das Wetter rapide. Der Anfangs blaue Himmel wird tiefschwarz, und ich kassiere die ersten Regentropfen.

Die Temperatur fällt binnen Minuten von 25 Grad auf 5 Grad.

Ich laufe ein Stück den Geröllhang hinauf, wo ich den Gipfel vermute und rufe mit vollster Kraft: „ Benny, Benny“. Meine Stimme verhallt aber ohne Antwort an den Geröllhalden.

Nun sitze ich also auf meinem nun kalten Stein und blicke in den bedrohlichen Himmel. Ich beschließe den alleinigen Abstieg, da ich mich nicht dem Wetter aussetzen möchte. Auch hatte ich vermutet, dass Benny und die beiden Bergführer, wegen des Wetterumbruches, woanders absteigen.

Ich laufe nun einen kleinen Teil des Eisfeldes herunter, während ich bemüht bin nicht in den Schnee einzubrechen. Ich breche aber trotzdem einige Male kniehoch ein. Nach ein paar weiteren Metern hole ich eine Plastiktüte aus meinem Rucksack und rutsche die vielleicht letzten 50 Meter, wie beim Schlittenfahren, auf dem Hintern hinunter. Meine Teleskopstöcke habe wie Eispickel als Bremse nutzen können.

Am Ende des Eisfeldes klettere ich den Schotterhang zum Plateau hinauf. Dort warte ich mit Blick auf das ganze Bergmassiv des Süphans auf Benny und die beiden Bergführer. Vielleicht fünf Minuten später sehe ich sie in der Ferne das Eisfeld hinunterlaufen.

Als Jemal auf meine Höhe kommt, ruft er: „ You’re tough“ – und lächelt.

Drei Minuten Später kommt Benny auf mich zu, mit einem eindeutigen Blick im Gesicht: wir waren auf dem Gipfel.

Wir nehmen einander in die Arme und beglückwünschen uns zur erbrachten Leistung. Jemal erwähnt beinahe beiläufig, dass wir den Süphan in neuer Rekordzeit erklommen haben.

Auf dem Weg ins Tal reflektieren wir nochmals unsere Besteigung.

Mit jedem Meter ins Tal entschwindet der Gipfel und gewinnt wieder Größe.

Der Abstieg von 1.600 Höhenmetern ist dann wieder völlig anders. Der Körper ist besser angepasst. Wir laufen beinahe schwebend hinunter, mit der Gewissheit, etwas geleistet zu haben.

Die Sonne brennt im Gesicht, und sie zeichnet wieder ein neues Licht auf den voraus liegend Pfad in Tal.

Jemal und ich rennen einen Teil der Schotterpiste um die Wette – wie im Ski alpin. Meine Schuhe sind voller Sand. Jemal trägt nur einfache Turnschuhe, bewegt sich aber mit diesem wie eine Gemse in den Schweizer Alpen.

Am Bus angekommen, steigen wir zu den anderen und erzählen alsbald unsere Geschichte des Aufstiegs.

Der Abend endet mit einem Bad im Vansee. Und Efes Bier.

Ich schlafe an diesem Abend zufrieden ein.

Vadim