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Ein Unikat – Portraitsitzung bei Steffen Diemer

Steffen und ich kennen uns schon lange. Ich schätze, so seit dem Jahr 2003. Genau kann ich das gar nicht mehr sagen. Mehr als ein Jahrzehnt ist es aber bestimmt.

Über die Jahre hielten wir Kontakt. Die letzten vier Jahre trafen wir uns immer wieder auf der Photokina. Auf der diesjährigen Photokina traf ich ihn wie gewohnt am Canson Stand.

Ich erhielt die Einladung, zu seiner neuen Ausstellung in Heidelberg zu kommen.

Die beiden letzten Einladungen musste ich leider ausschlagen, weil ich entweder zeitlich nicht konnte ‒ oder familiär etwas dazwischen funkte.

Allerdings lief dieses Jahr alles anders. Ich sagte wie gewohnt zu, und dank meinem Freund Sascha, der mich im Auto mitnahm, konnten wir beide die Ausstellung besuchen. Sie bewegte mich nachhaltig.

Im Vorfeld kannte ich die Arbeiten vom Steffen ja ganz gut, weil ich seinen Blog des Öfteren besuchte.

Die Galerie be art in Heidelberg stellte die Räumlichkeiten für die Werke zur Verfügung.

Die Galeristin Beatrix Gossle erzählt mir begeistert von den Werken und deren Entstehungsgeschichte. Ich selbst hatte noch nie zuvor Nassplatten-Kollodium-Fotografien gesehen. Die Plastizität und die fast schon dreidimensionale Wirkung der Bilder faszinierten mich. Aber auch das Verfahren, das keine Fehler duldet, erzeugt etwas Einmaliges: Nämlich ein Bild, fernab der digitalen Perfektion.

In Zeiten der digitalen Fotografie und deren Errungenschaften leidet manchmal die Seele eines Bildes an der fortwährenden technischen Entwicklung und dem Drang nach dem „perfekten“ Bild.

Noch während der Ausstellung beschloss ich, dass ich auch so etwas haben wollen würde. Ein Bild von mir. Nicht digital. Nicht auf Film.

Es sollte im Nassplatten-Kollodium-Verfahren entstehen. Ich selbst bin immer der Protagonist hinter der Kamera, von dem es selten ein Bild gibt. Das wollte ich ändern.

 

Donnerstagmorgen, der 8. Dezember 2016. Die Bahn bringt mich von Frankenthal nach Mannheim und die Linie 5 der Straßenbahn fast bis vor das Atelier.

Beinahe unscheinbar, ohne große Werbung in Form von selbstverliebter Plakatierung entdecke ich die Klingel. Ich drücke den Knopf. Kurz darauf meldet sich Steffen und bittet mich nach hinten in den Hof.

Ich durchschreite den Flur und gelange nach ein paar Schritten in den Hinterhof.

Im hinteren Teil des Hauses liegt das Atelier. Etwas verträumt in Mitten von Blumen und Wimpeln.

Ich trete in das Atelier und fühle mich sofort wohl. Kindliche Neugier durchströmt mich, und meine Augen wandern durch das Atelier.

Links neben dem Eingang finden sich verschiedene Arten von Blumen, die wiederum unterschiedlicher nicht sein können. Von leicht welk bis frisch zieren sie die unterschiedlichen Vasen, die ihnen Halt und Gestalt geben.

 

Zwei Räume teilen das Atelier. In dem einen finden sich die Kameras und das Licht, in den anderen der Schreibtisch und eine Ecke mit bequemem Stuhl ‒ mit Sicht auf den Schreibtisch und den ganzen Devotionalien die dem Raum Persönlichkeit geben. Viele seiner Kleinode stammen aus den Teilen der Erde, die er als Fotograf besucht hat. Eine riesige Schaar Bücher in einem Regal rechts vom Schreibtisch, trennt den Schreibtisch von der Wand.

Steffen erzählt mir von seinen Arbeiten, und den erforderlichen Prozessen. Ich lausche seinen Ausführungen, während er die Dunkelkammer in fast schon einstudierten Schritten herrichtet. Alles hat seinen gewohnten Platz. Er begründet jeden Handgriff ausführlich.

Ein kleines Buch, gefüllt mit Terminen und Angaben, erhält einen neuen Eintrag:

Portraitsitzung Vadim Schober.

 

Ich bin enorm angetan von dieser Liebe zum Detail. Alles hat seinen festen Platz. Ein gewohnter Griff schafft Ruhe.

Steffen platziert in einer rosafarbenen Wanne das Fixierbad. Richtet das Wasser zum Wässern. Staffiert die Holzablage mit Krepppapier aus.

Zwei Opalglasplatten in seinen Händen wieder werden gekonnt für die Kamera vorbereitet.

Kurze Zeit später sitze ich auf einem Stuhl und Steffen richtet die Kamera aus.

Die Reflektoren, die nun mein Gesicht von rechts und Links ausleuchten, entwickeln ein enorm grelles Licht, das nötig ist, um die Platte belichten zu können. Ganze sechs Sekunden harre ich aus, dann geht es sofort in die Dunkelkammer. Im Fixierbad bekommt das Glas ein Gesicht. Es formt sich ein Portrait ab. Mein Portrait. Steffen bittet mich, das Fixierbad zu bewegen. Für einen Moment bin ich 8 Jahre alt und in der Dunkelkammer meines Vaters.

Nostalgie pur.

Anschließend landet das Bild in einer weiteren Wanne. Es wird mit dem zuvor gerichteten Wasser gewässert. Schon jetzt schwärmen wir beide von dem Ergebnis.

Steffen ist sichtlich erleichtert. Wir beide gönnen uns einen Kaffee und beschließen, das Glas gleich morgen noch zu varnischen.

Das Foto drückt etwas aus, was anderen Fotos und dem zu Grunde liegenden Verfahren vermutlich nicht so gelingt.

Die Belichtungsdauer von sechs Sekunden erlaubt kein gestelltes Lächeln, ohne in der Haltung erstarrt zu wirken. Das Foto wirkt reflektiert, in sich gekehrt, ernsthafter. Beim Anblick des Fotos ist man gewillt sich selbst zu hinterfragen.

 

Am nächsten Morgen sitze ich um kurz nach 12 im Atelier und trinke meinen ersten Kaffee. Ohne Zucker, aber mit Milch.

Steffen richtet gerade eine Mischung aus Gum Sundrac und Lavendelöl, das er selbst herstellt. Um es auf eine Temperatur zu bringen, die es zu Verarbeitung benötigt, stellt er drei kleine Glasflaschen auf einen Ölofen.

 

Die ersten Platten, die gevarnischt werden, sind die, die in einem neuen Projekt ihren Platz finden.

Er erklärt mir den Prozess, der wiederum von ihm wie einstudiert umgesetzt wird. Mich fasziniert es immer wieder, wenn sich jemand einer Sache so bedingungslos hingibt und verschreibt.

Auch in diesem finalen Prozess liegt alles da, wo es sein soll. Es gibt kein zufälliges Muster. Der Ablauf hat etwas Meditatives. Der Ölofen, der das Gemisch zum varnischen erwärmt, setzt den Geruch von Lavendel frei, der ein weiteres Sinnessorgan sensibilisiert.

 

Steffen präpariert den Tisch mit Krepppapier. Links am Tisch steht ein silbernes Tablett mit einem Brenner und drei Flaschen der magischen Flüssigkeit.

Der große Brenner nutzt Propangas. Der kleinere ist ein Glas mit einem Docht, gefüllt mit Brennflüssigkeit.

Steffen trägt einen Blauen Kittel, der optisch an die Kombinat-Kittel der DDR erinnert. Ein Blaue Mütze ziert seinen Kopf.

 

Der Temperatur wird durch den Ofen und den Brenner zunehmend wärmer, meine Mütze mag ich aber nicht absetzen. Idole tragen Mützen, ob nun Blau oder Rot. Den Wink verstanden ? J

Das grüne Feuerzeug entzündet den Brenner. Die erste Glasplatte wandert über die kleine Flamme, um das Glas auf die passende Temperatur zu bringen.

In kreisenden Bewegungen wird das Glas erwärmt. Ohne Handschuhe, um nicht das Gefühl für die Temperatur zu verlieren.

Das Glas wandert immer mal wieder über den Handrücken, um die Temperatur zu kontrollieren.

Nachdem die Glasplatte die gewünschte Temperatur hat, liegt sie für einen Moment auf dem Tisch. Steffen öffnet eine der drei Flaschen und stellt sie links neben sich ab.

Mit der linken Hand hält Steffen die Glasplatte und trägt mit der rechten das Gemisch auf.

Wie ein öliger Film verteilt sich die Mixtur auf dem Glas. Behutsam wird das Glas in alle möglichen Neigungen bewegt, um eine gleichmäßige Verteilung zu gewährleisten. Anschließend werden die Kanten mit einem Knäul aus Krepppapier vom überflüssigem Gemisch befreit, so dass dieses sich später nicht entzündet, wenn die Platte wieder erhitzt wird, um das Varnish in die Platte einzuarbeiten.

Kaum ist die Platte wieder über der Flamme, umgibt mich der Geruch von Lavendel. Anschließend müssen die Platten noch trocknen bzw. aushärten.

Das endgültige Foto ist ein wahres Unikat und von besonderer Schönheit.

Der leichte Glanz, die Haptik und der Schärfeindruck der Platte, die ich nun mein eigen nenn darf, ist ein echter Schober, nur auf Glas gebannt und für die Ewigkeit konserviert.

Das Foto hat schon fast etwas Intimes. Es offenbart Persönlichkeit, die man nicht mit jeden teilen will. Somit steigt der essentielle Wert. Für mich ist es das Geschenk des Jahres, das ich mir gemacht habe. Danke Steffen.

 

Wer nun mehr wissen möchte darf gerne http://www.silberbilderfotografie.de besuchen und sich dort nachhaltig belesen, oder von den Bildern inspirieren lassen.

 

In einem grauen, von Hand gefalteten Karton mitsamt Zertifikat liegt nun meine eigene Opalglasplatte in meinem Rucksack.

Im August 2017 werde ich 40 Jahre. Ich habe eine Erinnerung. Ein Foto. Ein Unikat. Etwas, was immer daran erinnert, was Kafka einmal sagte:

 

Jeder, der sich die Fähigkeit erhält, Schönes zu erkennen, wird nie alt werden.

Hier ein Scan vom Original, das abhängig von der Güte des Bildschirms zu hell, oder zu dunkel erscheinen mag.