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Südafrika – Tag 3 – Victoria Street Market, The Workshop, Croc Valley

 

Heute Morgen nach dem Aufstehen denke ich noch, das wird ein schöner Tag werden.

Und er beginnt gut. Am Frühstücksbuffet treffe ich George, den Koch. Mitte 20, wuseliger Dreitagebart und Fußballfan bis ins Mark. Er schwärmt von Beckenbauer, und ich vom Essen. Ich hasse Fußball. Anyway. Wir tauschen Telefonnummern und E-Mail-Adressen aus, und ich sichere ihm zu, wenn die WM 2006 in Deutschland ist, könne er bei mir pennen. Er gelobt, zu kommen. Denn das wäre sein Traum: Die WM Live erleben zu dürfen. Ich bin gespannt.

The Workshop ist ein Einkaufszentrum, das in einem weiträumigen viktorianischen Bau der einstigen Bahnhofswerkstatt untergebracht ist. Nach umfassenden Renovierungsarbeiten umgibt den postmodernen Komplex der Charme von Vergangenem. Im Inneren des mit Oberlichtern und Verzierungen aus Messing und Schmiedeeisen schmückenden Gebäudes drängen sich 120 Läden, Boutiquen, Juweliere, Kinos, ein Supermarkt sowie Ruhezonen und Restaurant –und Fast-Food-Läden.

Gegenüber auf der anderen Seite der Aliwal Street, Richtung Strand, liegt das Gelände des Durban Exhibition Centre.

Jeden Sonntagvormittag findet hier ein Markt statt. Die zahlreichen Stände mit Kunsthandwerk und buntem Allerlei sind ein Magnet für Besucher der Millionen-Metropole Durban.

Der Victoria Street Market liegt ungefähr dort, wo die N3-Überführung am Ende auf die Straßen Richtung Zentrum trifft. Der markant leuchtende dreistöckige Bau hebt sich elegant von der umgebenden Skyline ab. Jede der elf Kuppeln stellt für sich ein bedeutendes indisches Bauwerk dar.

Auf dem belebten Basar mit seinen 116 Gewürzständen liegen die Aromen und Düfte des Orients in der schwülen Luft. In den oberen Stockwerken finden sich 56 weitere Läden mit Seide, Lederwaren, Keramik und Leinen.

Gleich nach dem Frühstück führt uns der Weg hinter dem Hotel geradeaus in die Innenstadt. Keine 15 Minuten später sind wir unter Hunderten von Menschen. Von 0 auf 100 in weniger als ein paar Atemzügen. Das geschäftige Treiben hat hier ganz andere Dimensionen als die deutschen Märkte. Überall finden sich Tagelöhner, die sich mit dem „Hütchenspiel“ ein paar Rand verdienen wollen. Sie zerren an deinen Armen – und fordern dich mit einem „hey Brotha“ zum Spielen auf.

Kaum hat dich einer am Arm, richten sich die schwarzen Augen der Zuschauer auf dich.

Mit Nachdruck in der Stimme bahnen wir uns einen Weg durch die Menschenmassen.

Egal, wie wir uns bewegen und verhalten – wir fallen als Touristen sofort auf. Selbst hastiges, beinahe gehetztes Laufen ändert nichts. Wir sind im Sog der Metropole Durban.

Nach dem Erkunden und Verlassen des „The Workshop“ Centers, rennt direkt einer der vor dem Gebäude lungernden Penner auf mich zu, und hält mich fest am Handgelenk fest.

Er stellt sich freundlich vor und erwähnt im selben Atemzug, dass er Hunger habe. Auffällig ist sein Erscheinungsbild. Hager, große Wangenknochen, tief liegende, glasige Augen, Dreitagebart und Lumpen-Outfit. Allein das weiß-blaue Hemd weiß zu überzeugen. Sauber aufgekrempelt offenbart es seine dünnen Arme, auf denen sich Jugendsünden in Form von Tattoos sowie zahlreiche Narben zeigen. Er bittet mich mit forschenden Augen, ihm eine Büchse Bohnen zu kaufen. Worauf ich nur trocken erwidere, warum er sich die nicht selbst kaufen würde.

Seine Hände umschließen in diesem Sekunden meine Handgelenke fester. Mein Puls schnellt von gemütlichen 60 Schlägen auf gefühlte 180. Kurz überlege ich, ob ich ihm ein paar Rand zustecke, um endlich von ihm loszukommen. Diesen Gedanken verwerfe ich kurz darauf und entschließe mich zu Altbewährtem. Sein mit Hoffnung erfüllter Blick wird binnen Sekunden zerstört, als ich ihm lautstark und mit Nachdruck klar mache, dass wir jetzt den Bus bekommen müssen. Seine Hand löst sich – und wir entschwinden im Trubel der Menschen um uns herum.

Er jetzt merke ich, wie angespannt ich war. Auch Saskia empfand die Situation für den zweiten Tag nicht gerade lustig. Ich gelobe mir mehr „Coolness“ für die folgenden Situationen. 🙂

Auf dem Rückweg setze ich das auch gekonnt um und wehre alle nervenden fliegenden Händler sowie Penner und Hütchenspieler ab. Mit durchaus charmanten Zügen, denn ich bekomme noch immer ein Lächeln.

Im Hotel angekommen steigen wir auch gleich ins Auto, um die nähere Umgebung zu erkunden. Nicht mit einem festen Ziel, vielmehr in der Absicht, die Zufahrtsstraßen besser kennenzulernen, um morgen nicht viel Zeit zu verlieren. Denn wir planen den ersten großen Trip.

Es stellt sich heraus, dass wir ein geografisch perfekt gelegenes Hotel haben. Der Weg zur Schnellstraße führt erst ein paar Kilometer am Strand entlang und mündet dann direkt auf dem Highway. Besser geht es kaum.

Im Reiseführer lese ich noch vom Croc Valley , als ich durch Zufall die Ausschilderung auf der Straße wahrnehme. Das Croc Valley ist eine kleine, privat betriebene Farm, auf der man natürlich, der Name verrät es, Krokodile beobachten kann – und viele andere Tiere. Wie entschließen uns zu einem Besuch.

Das Gelände ist leicht abschüssig angelegt und erlaubt einen weiten Blick auf das Areal und die dahinter liegende weitflächige Landschaft.

Wir folgen dem angelegten Pfad und sehen die ersten hier überwinternden Störche. Und eine Vielzahl anderer Flugvögel, die uns durch ihre ungewöhnliches Aussehen und ihre Farbenpracht begeistern.

Bei den Krokodilgehegen treffen wir auf James. Er ist 22 Jahre alt und verdient sich hier seinen Lebensunterhalt, mit dem er auch seine Mutter und seine vier Geschwister versorgt.

Sein immerwährend saufender Vater hat die Familie verlassen, da war er noch ein Kind.

Seither ist er das Oberhaupt der Familie und für sie verantwortlich.

Der Alltag ist geprägt von Gewalt und finanziellen Sorgen. Die Familie wohnt in einem der vielen Townships in einem kleinen Haus. Die zwei Zimmer teilt sich die ganze Familie.

Seine Hoffnung liege hier, sagt er stolz. Ich frage ihn nach seinen Zukunftsplänen und Wünschen. So weit will er gar nicht denken, sagt er, viel mehr lebe er ständig im „Hier und Jetzt“. Zukünftig will er aber soviel Geld verdienen, dass seine Geschwister die Schule besuchen können.

Seine Einstellung berührt uns beide nachhaltig. Zeigt sie doch, wie verbunden hier die Familien sein können. Es zählt der Zusammenhalt und das Gemeinwohl, nicht das Glück des Einzelnen.

Ich frage James nach seinen Aufgaben hier, und er erzählt, dass er die Anlage der Krokodile betreuen würde. Auf meine Frage, ob er denn schon mal gebissen worden sei, erwidert er ganz trocken, dass das wohl dazugehören würde. Ich bin leicht entsetzt und frage, ob er mich gerade auf den Arm nehmen möchte. Er antwortet entschlossen mit einem Nein und zeigt mir zwei Bisse in seinem Wadenbein, die über jeden Zweifel erhaben sind. Ganz beiläufig erzählt er auch, dass er nicht gesetzlich krankenversichert sei und sich eine private Versicherung nicht leisten könne.

Zum Abschied schenkt er uns noch vier Krokodilzähne, die er aus dem Gehege gesammelt hat.

Unser Weg führt jetzt über einen morastigen Untergrund. Holzbretter erleichtern das Laufen und schützen vor nassen Füßen. Über uns entwickelt sich mit jedem Meter eine heftige Geräuschkulisse und die Vegetation wird grüner und dichter.

Der Weg ist gesäumt von meterhohen Farnen und bewachsenen Bäumen. Ein kleiner Dschungel inmitten des künstlich angelegten Rundgangs.

In den Bäumen können wir die ersten Affen ausmachen, die uns aber aus einem sicheren Abstand in den Bäumen folgen.

Der Versuch, die scheuen Tiere mit Bananen anzulocken, will uns nicht gelingen. Daher laufen wir weiter und lassen die Affen wieder alleine.

Am Ende des Rundgangs durchqueren wir noch ein kleines Museum und erfahren hier viel über die heimische Tier- und Pflanzenwelt.

Wirklich schön angelegt und auf jeden Fall einen Besuch wert.

Am Abend sind wir wieder in dem Restaurant vom Vorabend und bedienen uns ausgiebig am Buffet.

Gesprächsstoff haben wir zu Haufe, und so endet der Abend mit viel Diskussionen auf dem Hoteldach mit einem Blick auf das nächtliche Durban.

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